Zum Gedenken Humboldts.

Gedenken hat hohen symbolischen Wert. Die Benennung einer Straße, eines Platzes, eines Gebäudes, einer Institution verleiht der Person, die diesen Namen trug, Bedeutung. Sie wurde auserwählt, sie gilt als wichtig, sie soll präsent sein im öffentlichen Raum. Der Name Humboldt ist nicht nur ein Name unter vielen, er scheint in der hegemonialen deutschen kollektiven Erinnerung einen besonderen Platz einzunehmen: Ein Volkspark Humboldthain, eine Humboldt-Stiftung, ein Humboldt-Verlag, Humboldt-Gymnasien, eine Humboldt-Universität: Das spricht für sich. Der goldglänzende Schriftzug über dem Eingang dieser Universität erinnert die Vorbei- und Hereinkommenden: Humboldt ist toll!

In allen oben aufgeführten Verwendungen sind die zugehörigen Personen Alexander und Wilhelm. Sie  verkörpern  deutsche (Ideal-) Vorstellungen von Bildung und Wissenschaft. Dabei werden sie in aktuellen, hegemonialen Diskursen verhandelt als kosmopolitische Leitfiguren europäischer Ideen- und Geistesgeschichte, die vermeintlich auf der Grundlage von Neugierde und Weltoffenheit Wissenschaft betrieben.

Alexander (1769–1859), aus preußischer adeliger Familie, unternahm von Westeuropa aus eine fünfjährige, von der spanischen Kolonialregierung unterstützte Forschungsreise in die von Spanien kolonialisierten Gebiete im heutigen Süd- und Mittelamerika.  Seine Forschung stand in einer kolonial_rassisitischen Tradition von sogenannten “Entdeckungsreisen”, also den Reisen ableisierter europäischer männlicher­ weißer Menschen in bereits bewohnte Gebiete und die darauffolgende Proklamation einer “Entdeckung”. Dabei ist hier schon der Gedanke des “Entdeckens” rassistisch. Wer kann wo was für wen “entdecken”? Die Ergebnisse seiner Forschungsreise wurden zur weiteren Ausbeutung der Kolonien verwendet und dienten zugleich ihrer ideologischen Untermauerung. Alexander schrieb hauptsächlich über Vegetation und Gesteinsarten und stellte die Gebiete als „unberührte Natur“ her, obwohl dort seit Jahrtausenden Menschen lebten (und immer noch leben!). Die Bewohner_innen beschreibt er rassistisch, indem er sie unter Anderem exotisiert und kulturevolutionistisch be- und abwertet.

Nichtsdestotrotz wird Alexander häufig als Kritiker der Versklavung von Menschen und dadurch als vermeintlich antirassistisch hergestellt. Das ist im Kontext seiner Werke und seines Lebens  zynisch, denn seine Wissensbildung wurde durch koloniale Ausbeutung ermöglicht, dieses Wissen diente der kolonialen Ausbeutung und es war Teil eines kolonialrassistischen Legitimationsdiskurses. Ein Gegner der Versklavung von Menschen war er nie, allein die Bedingungen unter denen dies geschah kritisierte er punktuell. Seine Arbeiten sind dementsprechend eindeutig als kolonialrassistisch und als das koloniale Gewaltsystem unterstützend einzuordnen.

Weiterhin hat er in seinen Reiseberichten stark ableistisch_diskriminierend geschrieben. Er naturalisiert Be_hinderung indem er sie nicht als Ausschlüsse, die durch die Gesellschaft konstruiert werden, wahrnimmt und darstellt. Es findet eine starke Abwertung von Menschen (speziell: Frauen* aus Mittel- und Südamerika) mit Körperbe_hinderungen statt, und es finden sich sozialdarwinistische, stark menschenfeindliche und diskriminierende „Argumentationen“. Insgesamt beinhalten die Reiseberichte Ableismen_Kolonial_Rassismen_Sexismen.

Wilhelm (1767-1835), ordnete in seinem einflussreichen Werk  Sprachen rassistisch und kulturevolutionistisch in eine Sprachhierarchie ein. Diese untermauert die Vorstellung westeuropäischer Überlegenheit, die sich einen Platz an der Spitze der selbst geschaffenen Hierarchie zuweist. Außerdem verfasste Wilhelm Aufsätze über das Geschlechterverhältnis. Er hat dort zu einer wirkmächtigen pseudo-wissenschaftlichen Legitimation der sexistischen Diskriminierung von Frauen* beigetragen, indem er die asymmetrischen Geschlechterverhältnisse naturalisiert, also vermeintlich biologisch erklärt und legitimiert.

Beauftragt vom preußischen König führte Wilhelm von Humboldt eine allgemeinmännliche Schulbildung ein und begründete das heutige, (wie damals,) klassistische, sowie migratistische und rassistische, Ausschlüsse re_produzierende, mehrgliedrige deutsche Schulsystem.

Die Rezeption der Werke von Alexander und  Wilhelm ent_nennt konsequent deren ableistische_ kolonial_rassistische_sexistische Inhalte. Nicht in der akademischen Rezeption und nicht im Selbstverständnis und Leitbild der Humboldt-Universität findet eine auch nur ansatzweise kritisch-reflektierende Auseinandersetzung damit statt.

Die  beiden Brüder reihen sich ein in den Kanon der unmarkierten Norm einer Vorstellung des Menschen als ableisiert, männlich und weiß, einhergehend mit deren Herstellung als prototypische neutrale unbeeinflusste Denker. Deren Position ist jedoch offensichtlich keine von Diskriminierungs- und Machtstrukturen unabhängige, sondern eine dadurch privilegierte. Ihre Wissensproduktion und deren (reale) Wirkungsweise waren und sind darin eingebunden und sie haben ableistische_klassistische_rassistische_sexistische Gewalt unterstützt, befördert und aktiv ausgeübt. Dies ist auch nicht zu erklären oder zu entschuldigen mit Verweis auf den historischen Kontext. Der Kampf gegen Diskriminierung ist so alt wie Diskriminierung selbst. Seit es Kolonialismus gibt, gibt es antikolonialen Widerstand, der zum Beispiel 1804 zur Unabhängigkeit Haitis führte.  In der entsprechenden Zeit, vorher und heute, gab und gibt es Zugang zu emanzipatorischem Wissen, Ideen, und Veröffentlichungen. 1791 zum Beispiel veröffentlichte Olympe de Gouges „Die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“. Größte Teile dieses Widerstandes und emanzipatorischer Wissensproduktion aus diskriminierter Perspektive wurde und wird nicht nur massiv und gewaltvoll unterdrückt, sondern auch systematisch marginalisiert und ent_erwähnt. Ob auf widerständiges Wissen zurückgegriffen wird, ob es ignoriert wird, wie sich dazu positioniert wird, war jedoch damals wie heute eine politische Entscheidung. Allerdings ist es auch problematisch, wenn Antidiskriminierung und Widerstand in den hegemonialen Diskurs in angeeigneter, und damit meist machtkompatibler, Form aufgenommen werden.  Diese werden dann als Errungenschaft von privilegierter Seite dargestellt, was Kämpfe aus diskriminierter Perspektive unsichtbar macht und die Hegemonie der Privilegierten fortschreibt.

Dies alles steht auch heute in einem  (deutschen Kontext) von Diskriminierungsstrukturen und der Tatsache, dass die Humboldt-Universität damals wie heute ein Ort von Ausschlüssen und Diskriminierung  ist.

Die Universität ist konstituiert von ableistischen_klassistischen_kolonial_rassistischen _sexistischen Ausschlüssen und Diskriminierungen, re_produziert diese und konstituiert durch hegemoniale Wissensbildung weiter Gewalt in der Gesellschaft.  Denn wer kommt eigentlich an die Uni? In welche Position? Mit welchem Einfluss? Welches Wissen von wem und mit welchen Inhalten wird gelehrt, produziert, anerkannt? Und welches nicht? Was wird am Ende des universitären Wissensbildungsprozesses als “objektiv gültiges” Wissen hergestellt? Warum hat dieses akademisierte Wissen in der deutschen Gesellschaft (offenbar) ein Definitionsmachtmonopol? Und wer hat die durch Macht und Diskriminierungsstrukturen konstituierte gesellschaftliche Stellung um dieses dann zu bestätigen?

Diese ableistischen_klassistischen_kolonial_rassistischen_sexistischen Kontinuitäten werden in hegemonialen Verhandlungen ebenfalls konsequent ent_nannt.

Das Wirken von Alexander und Wilhelm zu ent_kontextualisieren bagatellisiert Diskriminierung, setzt sie irrelevant und re_produziert so genau diese Diskriminierungen machtvoll.

Auf schon stattgefundene Interventionen an der HU wurde, in Diskrepanz zum eigenen Anti_diskriminierungspostulat, entweder gar nicht oder abwehrend reagiert.  Ableistische_klassistische_kolonial_rassistische_sexistische Inhalte, Kontinuitäten und Kontexte zu verschweigen und all dem keine Bedeutung beizumessen bedeutet aber nicht nur, keine  “gute” oder “kritische” akademische Wissensbildung zu betreiben, sondern ist ebenso eine politische Handlung, die Diskriminierungsstrukturen und Gewalt aufrecht erhält.

Was wäre, wenn die Uni nach einer Person benannt würde, die nicht privilegiert war und sich in ihrem Denken, Arbeiten und Handeln gegen Diskriminierung und Gewalt wandte?

Der Name dieser Universität soll symbolisch stehen für ein Wissenschaftsideal, er steht aber wohl eher symbolisch dafür, wer willkommen ist und wessen Ort die Uni ist.

Die HU-Leitung muss ihrem selbst gesetzten Anspruch gerecht werden  und die Möglichkeiten, die ihre Position eröffnet, ausschöpfen um Diskriminierungen abzubauen.

WIR FORDERN:

  • Veränderte Zugangsbedingungen, d.h. z.B. bessere Möglichkeiten für non-citizen zu schaffen an die Uni zu kommen und Anerkennung von allen im Ausland erworbenen Hochschulzugangsberechtigungen, weitergehender Abbau von Barrieren für Menschen mit Behinderung, gleichstellungspolitische Personalpolitik bezüglich Sexismus und Rassismus, also Maßnahmen zur Förderung von Schwarzen Menschen, People of Color, Inter*, Trans*, Frauen* in allen Hierarchieebenen
  • Anerkennung und Herausforderung von Alltagsdiskriminierung, z.B. durch Einrichtung von wirkungsvollen, interdependent arbeitenden  Anti-Diskriminierungsstellen
  • Konsequentes Mitdenken von Herrschaftsstrukturen in Lehre und Forschung: Der Re_Produktion von Diskriminierung in der Uni muss entgegen gewirkt werden. Der wissenschaftliche Kanon muss verändert werden: diskriminierendes Wissen muss durch widerständiges/emanzipatorsiches/machtkritisches Wissen ersetzt werden.
  • Umbenennung der Universität 

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